Armut in Kuba?

Die grossen Medien haben ihre Anstrengungen verstärkt, den Leuten, die nach Kuba reisen weiszumachen, dass sie sich darauf vorbereiten sollen, einer Bevölkerung zu begegnen, die von Armut gezeichnet ist, aufgrund des gescheiterten sozialistischen Modells und des bankrotten Staates. Das zweite Klischee reduziert das Land auf Sonne, Strand und Musik, und dann gibt es noch einige, die davon träumen, auf der Insel die perfekte Gesellschaft anzutreffen.

Es ist ein Fehler, die kubanische Gesellschaft anhand der Anzahl von Konsumartikeln, die sie erwerben kann, zu definieren. Kuba war die letzte spanische Kolonie in Amerika, während 400 Jahren ausgebeutet. Nach der Unabhängigkeit erbte das Land die Monokultur, die Monoproduktion und den Monoexport.

Die im Jahr 1959 erfolgreiche Revolution sah sich genötigt, einige Gesetze zu verabschieden, wie beispielsweise die Agrarreform und die Verstaatlichung des ausländischen Kapitals, was zu einem grausamen Finanzkrieg des Nachbarn führte und eine Bremse für die Entwicklungspläne der Revolutionsregierung bedeutete.

Frühere Fehlplanungen und falsche Wirtschaftsmassnahmen, korrigiert durch die Verstaatlichung von praktisch der ganzen Produktion und der Leistungen, führten dazu, dass sich die Bevölkerung praktisch seit 50 Jahren der Revolution immer mit der Rationierung vieler Basisprodukte konfrontiert sah und den Mangel an Produkten zu spüren bekam, verstärkt noch durch den Sturz der sozialistischen Länder, das hat uns Präsident Raúl Castro am 7. Kongress der kommunistischen Partei erklärt.

Man kann die Armut in Kuba nicht negieren, nimmt man die Kennzahlen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds als Grundlage. Der Basislohn ist tief und deckt kaum die stets steigenden Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Kuba erholt sich von der Wirtschaftskrise der 90er Jahre, als die Krise ihren Tiefpunkt erreichte und ihre Auswirkungen für die Bevölkerung täglich spürbar waren.

Trotzdem, nicht alles ist Konsum und es gibt auch noch andere Indikatoren der Entwicklung, aber die interessieren die Medien nicht, denn die würden nämlich aufzeigen, dass unser Land zu den Begünstigtsten der Welt gehört.

Die Bildung erreicht alle Menschen und ist auf sämtlichen Stufen kostenlos. Der Jahresbericht der UNESCO betr. Bildung zeigt Kuba 2012 auf dem 16. Platz der Bildungsentwicklung. Anerkannt ist die Insel ebenfalls durch die hohe Anzahl von Dozentinnen und Lehrern pro Kopf.

Auch das Gesundheitssystem ist für alle und kostenlos, die Kindersterblichkeitsrate liegt bei 4.2 pro Tausend Lebendgeborenen, mit einem Arzt pro 137 Einwohnern und einer Lebenserwartung von 78. Das System bietet auch Unterstützung in mehr als 40 Ländern. Der Kampf gegen Ebola in Afrika oder die 11’400 Ärzte in Brasilien sind Beispiele.

Der Sport und die physische Erziehung sind durch Sportgelände garantiert, die von Spezialisten betreut werden. Der Sport wird durch den Staat subventioniert und steht allen frei zur Verfügung. Der Staat subventioniert auch andere Leistungen, wie beispielsweise die Elektrizität. Bei einem Konsum von 200 Kilowatt monatlich bezahlt man dafür – gemäss gültigem Tarif – 44 Pesos (ca. 1,80 USD), aber die Erzeugung kosten den Staat 30 USD.

Das gleiche gilt für die Bildung. Auf der grössten der Antilleninseln gibt es fast eine Million mit Uniabschlüssen, auf diesem Niveau studieren 72,7% der 18 – 24 Jährigen.

Hinzuzufügen ist, dass dank der städtischen Reformgesetze mehr als 85% der Kubaner Besitzer ihrer Wohnungen sind, was bedeutet, dass sie keinen Mietzins bezahlen müssen, der für Millionen von Menschen weltweit eine immer höhere Belastung für den Familienhaushalt bedeutet.

Kuba ist ein Staat, in dem die Leute – trotz „Armut“ – in Würde leben. Und nicht nur in Würde, was die minimalen Konsummöglichkeiten, das öffentliche Gesundheits- und Bildungssystem betrifft, sondern vor allem im politischen Bewusstsein, was die Revolution bedeutet.

Die Kubanerinnen und Kubaner sind noch weit davon entfernt, alle materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, aber sie zeigen eine menschliche Entwicklung, die sich Millionen von Menschen weltweit herbeisehnen, insbesondere habe ich nicht das Gefühl, in einem armen Land zu leben, ganz im Gegenteil, wir Kubaner/innen haben es verstanden, durch unsere eigenen Anstrengungen eine Quelle des Wohlstandes zu schaffen.

Referat von Jorge Enrique Jerez Belisario (Jorgito) – gehalten in Zürich, 5.7.2016

(Kubainfos)

Jorgito begeistert US-Publikum

Seit dem 1. Januar 2016 ist die erweiterte Version des Films „Die Kraft der Schwachen“ über  Jorgito aus Camagüey erhältlich. Der Film zeichnet ein beeindruckendes und authentisches Portrait eines Jungen mit einer schweren körperlichen Behinderung und seinen Kampf für die Freilassung der in den USA inhaftierten Cuban Five. Nun hatte Jorgito die Möglichkeit sich und den Film in den USA vorzustellen.

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Volles Haus im „Brooklyn Commons“: Arbeiterinnen und Arbeiter, Studierende, Lehrpersonen und Geistliche kamen am 23. April 2016 zusammen, um Jorgito am Tage seiner Ankunft in New York Willkommen zu heissen, „Die Kraft der Schwachen“ zu sehen und Jorgitos Worten zu lauschen. Foto: Lawrence Gallman

Die in Brooklyn ansässige unabhängige Medienorganisation Women’s Press Collective organisierte die Veranstaltungen in New York.  Dank ihrer breiten Verankerung in der Bevölkerung gelang es der Organisation, Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft an die Veranstaltungen zu bringen. Weitere Vorführungen wurden von Gruppen der Kubasolidarität in Washington DC im Rahmen der  Second Days of Actions Against the Blockade organisiert. Alle Veranstaltungen sollten in Anwesenheit von Jorgito und des Filmemachers stattfinden.

Obwohl Jorgito seinen Antrag auf ein Einreisevisum mehrere Wochen vor der geplanten US-Premiere auf der US-Botschaft in Havanna eingereicht hatte, kam das Visum für die in New York angesetzten Veranstaltungen zu spät. Er flog über Panama direkt nach Washington DC, wo er zwei Stunden vor der ersten Veranstaltung eintraf.

Während Jorgito in Havanna auf sein Visum wartete, nutzen die Verantwortlichen von Women’s Press Collective und Filmemacher Tobias Kriele die Gelegenheit, die widersprüchliche US-Aussenpolitik Kuba gegenüber mit dem New Yorker Filmpublikum kritisch zu beleuchten. Die von Präsident Barack Obama in seiner Rede am 22. März in Havanna angekündigte Normalisierung der Beziehungen seines Landes mit dem kubanischen Volk und seiner Jugend wurde mit dem vom US-State Department nur wenige Tage später lancierten 750’000 Dollar teuren Programm zur Ausbildung junger „Führer der kubanischen Zivilgesellschaft“ zur Farce. Mit dem Programm sollen junge KubanerInnen in die USA eingeladen und dort darin geschult werden, Organisationen der kubanischen Zivilgesellschaft zu führen, „welche die demokratischen Prinzipien in Kuba aktiv unterstützen werden“ (Granma International, April 2016, S. 8 deutsche Ausgabe). Junge Menschen wie Jorgito hingegen sind der US-Regierung weniger willkommen.

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Der begabte Schachspieler Jorgito (rechts im Bild) bei einem Spiel mit Women’s Press Collective Mitglied Antoinette Marie Williams, die eine Vorführung von „Die Kraft der Schwachen“ in ihrem Seniorenzentrum in Harlem organisierte (The Center at Red Oak, 25. April 2016). Foto: Natalie Alcide

Auch die irreführende Berichterstattung der Mainstreampresse zu Kuba war Diskussionsthema an den New Yorker Veranstaltungen. Anwesende bedankten sich beim Filmemacher dafür, ihnen eine ihnen unbekannte Sicht auf Kuba – diejenige der KubanerInnen – näher gebracht zu haben. Als bekannt wurde, dass Jorgito sein Visum erhalten hatte, organisierte Women’s Press Collective innerhalb weniger Tage drei zusätzliche Veranstaltungen in New York. Die Nachricht von Jorgitos Kommen löste eine regelrechte Fanbewegung aus. Zahlreiche Personen, die den Film bereits gesehen hatten, besuchten die zusätzlichen Veranstaltungen mit FreundInnen und Bekannten. Jorgito, der wie ein Held empfangen wurde, betonte dem US-Publikum gegenüber, sein Land sei weiterhin an einer Normalisierung der Beziehungen interessiert, diese müsse jedoch auf Gegenseitigkeit beruhen. Eine Zuschauerin forderte, Krieles Film müsse den Verantwortlichen in Washington gezeigt werden.

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Jorgito eroberte die Herzen und den Geist des Publikums im „Brooklyn Commons“, einem Café in Brooklyn, das am 23. April 2016 die erste Präsentation von „Die Kraft der Schwachen“ in New York in Anwesenheit von Jorgito ausrichtete. Mit Jorgito auf dem Bild sind (von links nach rechts): die ehrenamtliche Dolmetscherin Liz Figueroa, Filmemacher Tobias Kriele und Women’s Press Collective Hauptverantwortliche Lisa Daniell (Moderation). Foto: Lawrence Gallman

Zahlreiche Anwesende erklärten sich bereit, die Verbreitung des Films in den USA persönlich zu unterstützen.  So wollen VertreterInnen von Schulen und Universitäten, Quartiervereinen, Jugendorganisationen, Behindertenorganisationen, Berufsverbänden im Gesundheitsbereich und Gewerkschaften künftig eigene Veranstaltungen durchführen, um den Film möglichst vielen Leuten ausserhalb der Kubasolidarität zugänglich zu machen.

Natalie Benelli / Vereinigung Schweiz-Cuba /Women’s Press Collective

Infos zum Film:

Trailer

www.kraftderschwachen.de

neue Version des Films für 15 CHF aus der Schweiz bestellen: national@cuba-si.ch

und aus Deutschland für 10 Euro: Mail an oder auf www.fgbrdkuba.de/shop/

 

Wie Demokratie in Kuba funktioniert

Viel zu oft wird in Europa behauptet, dass es in Kuba keine Demokratie gebe. Wenn im kubanischen Parlament Beschlüsse einstimmig angenommen werden, behaupten hier Politiker von der Sozialdemokratie bis Rechts, dass dies niemals demokratisch sein könne. Dabei müssten sie sich nur ein wenig mit der kubanischen Demokratie befassen. Schnell würden sie sehen, dass die politische Debatte viel früher beginnt. Sie beginnt bei der Bevölkerung. An den Schulen, Arbeitsstellen und in den Stadtvierteln. Ein gutes Beispiel dafür ist dieser Erlebnisbericht des Studenten Jorge „Jorgito“ Jerez aus Camagüey.

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Quartierversammlung und Debatte in Kuba – Immer bei der Basis

Letzte Woche hat sich der 1. Sekretär der PCC Kuba in Camagüey mit Studenten der Journalistik an der Universität von Camagüey ausgetauscht. In welchem Land der Welt geschieht so etwas? Die höchste Autorität einer Provinz tauscht sich von Angesicht zu Angesicht, mit einer Gruppe von Studenten an einer Universität aus? Hier zeigen sich die Qualitäten der kubanischen Demokratie.

Wir haben über verschiedene Themen gesprochen. Zum Beispiel über die Situation der Provinz, den VII Kongress der PCC und innere Angelegenheiten der Universität. Ebenfalls über sehr aktuelle Themen, wie der Besuch von Obama und die Wichtigkeit der Ideologie.

Der erste Sekretär hat mit seiner charakteristischen Natürlichkeit die ökonomische Situation der Provinz vermittelt. Zusammen mit den Studenten, Professoren und weiteren Mitgliedern der Provinzregierung, wurde die Politik der „Landwirtschaftspreise“ (siehe dazu folgenden Artikel) und die Nahrungsmittelpreise breit debattiert.

Dies zeigt was „echte“ Demokratie in Kuba bedeutet! Mit einer solchen Regierung, die mit den Jugendlichen debattiert, ist die Zukunft Kubas garantiert.

(Kubainfos)

Jorgito – Ein Beispiel positiver Veränderung durch die Revolution (Interview)

Seit dem 1. Januar 2016 ist die erweiterte Version des Films „Die Kraft der Schwachen“ über  Jorgito aus Camagüey erhältlich. Der Film zeichnet ein beeindruckendes und authentisches Portrait eines Jungen mit einer schweren körperlichen Behinderung und seinen Kampf für die Freilassung der in den USA inhaftierten Cuban Five. Anlässlich der Vorstellung der neuen Version des Films hatten wir die Gelegenheit mit dem Filmemacher Tobias Kriele über seinen Dokumentarstreifen, Kuba und seine zukünftigen Pläne zu sprechen. 

 

Kubainfos: Zu welchem Zweck und mit welchem Ziel wurde der Film “Die Kraft der Schwachen” gemacht?

Tobias Kriele: Ich hatte mehrere Motivationen de Arbeit zu „Die Kraft der Schwachen“ aufzunehmen. Zum einen wollte ich mit dem Film persönliche Erfahrungen, die ich während meines 9jährigen Aufenthaltes in Kuba gemacht habe, für die Freunde in Europa vermittelbarer machen. Darüber hinaus hat mich die Frage beschäftigt, was eine Revolution ist und was sie im alltäglichen Leben der Menschen bedeutet. Jorgito ist sicher ein sehr ausdruckstarkes Beispiel für Dinge, die sich durch die Revolution im Leben von Menschen verändert haben. Ausserdem wollte ich mit Hilfe des Films den Fall der „Cuban 5“ Menschen zugänglicher machen, die sich sonst nicht mit kubanischer Politik auseinandersetzen. Die Geschichte von Jorgito bietet hierbei einen besonderen Zugang.

Was für Reaktionen hat der Film ausgelöst und was erwartest du von den Personen die diesen Film schauen?

Der Film wurde bereits in mehreren Ländern gezeigt. Die Reaktionen waren in jedem Land verschieden. Da ich den Film in erster Linie nicht für ein kubanisches Publikum gemacht habe, hat mich zum Beispiel überrascht, dass der Film dort so starke Reaktionen ausgelöst hat. Er wurde dort sehr positiv aufgenommen und mehrere Male im TV gezeigt. Mir hat einmal ein Kubaner gesagt: „Der Film hält uns einen Spiegel vor“. Für mich als Ausländer war es natürlich eine grosse Genugtuung, dass der Film von den Kubanern als „kubanischer Film“ angenommen wurde.

In der Schweiz, Deutschland und Italien war das Publikum sehr heterogen zusammengesetzt. Viele Zuschauer haben sich das erste Mal mit Kuba beschäftigt. Meiner Erfahrung nach hat der Film es sehr gut geschafft, eine Brücke zu schlagen und einen Zugang zu schaffen, trotz aller systematischen Verleumdungen durch die Presse. In diesem Sinne ist er erfolgreich.

Eine weitere Gruppe von Zuschauern waren Eltern von Kindern mit Behinderungen. Hier waren die Reaktionen sehr heftig und zum Teil mit radikalen Einsichten verbunden. Der Bezug zu Kuba auf die Wirklichkeit von Europa wurde sehr direkt gezogen. Da gab es sehr bewegende Schlussfolgerungen der betroffenen Menschen. Mir als Nichtexperten hinsichtlich der Lebensbedingungen behinderter Menschen hat dies tiefe Einblicke darin gewährt, wie kompliziert, widersprüchlich und von Verachtung geprägt das Leben der Menschen mit Behinderungen in sogenannten hoch entwickelten Ländern sein kann.

Wir wollen den Film auch in den USA zeigen und haben diesbezüglich die Erwartung, dass es der Film schafft, den Diskurs über Kuba, so wie er momentan besteht aufzubrechen, einen neuen Zugang zu Kuba zu schaffen und   damit alte Bilder aufzubrechen. Wir vermuten, dass damit eine grosse Dynamik freigesetzt werden wird.

Wird es zukünftige Projekte mit Jorgito geben?

Der Film ist ja nun auch in der erweiterten Fassung fertig, aber es ist noch einiges offen was die Verbreitung des Films angeht.  Zuerst mal werden wir im Frühjahr 2016 mit Jorgito den Film in den USA vorstellen.

Als weitere Projekte sind geplant, dass wir weiterhin eine regelmässige Kolumne von Jorgito in verschiedenen Zeitschriften der deutschsprachigen Solidaritätsarbeit veröffentlichen und er somit regelmässig als Journalist präsent ist. Ein anderer Plan ist, dass wir kubanische Blogger unterstützen möchten. Wenn man Jorgito kennt, dann weiss man, dass Jorgito eine sprudelnde Quelle von Ideen und Projekten ist. Das wird damit zu tun habe, dass er fest davon überzeugt ist, dass man die Welt verändern kann.

Geniessen andere kubanische Menschen mit Behinderungen die gleiche medizinische und soziale Versorgung wie Jorgito?

Ein Beispiel, welches Jorgito gerne anfürh, ist der Fall einer jungen Studentin, die auf Grund ihrer schweren Behinderung mit Sauerstoff künstlich behandelt werden musste und dadurch nicht mehr die Universität besuchen konnte. Ihre Professoren beschlossen, abends die morgendlichen Vorlesungen bei ihr zu Hause zu wiederholen, damit Sie ihre Ausbildung abschliessen konnte.

Es wäre jedoch unangebracht zu sagen, dass jeder Mensch mit Behinderung in Kuba glücklich ist. Die kubanische Revolution bietet etwas an, aber ob dieses Angebot auch immer genutzt wird, variiert von Einzelfall zu Einzelfall.

Ein weiteres Beispiel:

Jorgito traf am Rande unserer Dreharbeiten in einer Sekundarschule ein behindertes Mädchen, welches von ihrer Lehrerin gefüttert wurde. Er hat ihr darauf hin einige Fragen gestellt, doch ehe das Mädchen eine Antwort geben konnte, hatte schon die Lehrerin für sie geantwortet. Jorgito ging daraufhin schnurstracks zur Schuldirektorin stellte Fragen nach der Pathologie des Mädchens und der ihm gewährten Unterstützung. Als die Rektorin auf die Fragen nicht überzeugend antworten konnte, erklärte Jorgito ihr: „Ich komme in vier Wochen wieder und stelle die gleichen Fragen nochmals und dann möchte ich andere Antworten hören“

Diese Anekdote zeigt auch, dass Jorgito ein sehr überzeugter Revolutionär ist, der Kuba verteidigt – Er ist jedoch zugleich sehr kritisch und fast unerbittlich mit Dingen, die in Kuba falsch gemacht werden, oder mit Möglichkeiten, die nicht genutzt werden.

Ich hole so weit aus, um verständlich zu machen, dass nicht jeder Mensch mit Behinderung in Kuba automatisch zu einem Jorgito wird. Dank der Revolution sind die Möglichkeiten zur optimalen Betreuung von Menschen mit Behinderung in Kuba zwar vorhanden, doch um die Ausnutzung dieser Möglichkeiten muss man jeden Tag neu kämpfen.

Warum und für welche soziale Gruppe sollte Jorgito ein Vorbild sein? 

Jorgito kann für viele verschiedene Menschen ein Vorbild sein, nicht nur für kubanische Jugendliche mit Behinderungen. Gerardo Hernandez von den Cuban Five hat treffend gesagt, dass Jorgito – so wie die Kubaner an sich – ein Symbol dafür ist, dass man aus einer schwierigen Ausgangssituation, die geprägt ist von Widrigkeiten, das Handeln in die Hand nehmen kann. Dafür, dasss man nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch die Verhältnisse, in denen man lebt, gestalten kann. Ohne dabei zum Träumer zu werden oder die Welt nur umzudeuten, erklärt uns Jorgito, dass man tatsächlich die Dinge verändern kann.

Jorgito hat mit seinem Beitrag geholfen, Gerardo Hernandez aus dem Gefängnis zu holen und er glaubt daran, dass uns Menschen, vorausgesetzt, dass wir gemeinsam Handeln und in Einheit für ein Ziel einstehen, alles möglich ist. Dieser kubanische Kampfgeist, hat es verdient in der ganzen Welt wahrgenommen zu werden. Es ist auch eine Inspiration für uns, die wir in den kapitalistischen Zentren leben und oft das Gefühl haben, dass wir nur kommentieren können, nichts verändern. Doch dass die Welt wirklich zu verändern ist, zeigt uns Jorgito in dem Film.

Hatte Jorgito schon immer mit dieser Leidenschaft, mit der er die Revolution verteidigt und für gerechte Sachen einsteht?

Jorgito selber sagt, dass eine seiner ersten Empfindungen das Gefühl der Dankbarkeit für die Zuwendung war, die ihm die kubanische Revolution hat zukommen lassen und die ihm ermöglicht hat, sein eigenes Leben zu leben. Diese Dankbarkeit ist für Jorgito nicht nur moralisch, er hat vielmehr schon früh das Bedürfnis gespürt, etwas von Erhaltenen zurück zu geben. Schon in der Vorschule hat Jorgito begonnen, mit anderen Kindern zu diskutieren, seine Sicht der Dinge zu berichten und über das Gute zu sprechen, das ihm widerfahren ist. Schon als ganz kleines Kind wurde er in dieser Haltung geprägt und hat die Kinder dazu aufgefordert, diese Solidarität ihrerseits weiter zu geben.

Kann man auf Grund der Geschichte sagen, dass in der Frage der Gesundheit ein vor und nach der Revolution gegeben hat? Oder gab es vor der Revolution eine ähnlich gute medizinische und soziale Betreuung für Menschen mit Behinderungen? 

Es ist bekannt, dass es vor der Revolution in Kuba keine nennenswerten Einrichtungen im Bereich der Sonderpädagogik gegeben hat. Die wenigen Einrichtungen, die es gab, existierten alle in Havanna und für die Behandlung behinderter Kinder der damaligen wohlhabenden Oberschicht. Für die arme Bevölkerung gab es in diesem Bereich jedoch keine speziellen Therapien oder medizinische Versorgungen.

Eine Reportage des kubanischen Fernsehens über kubanische Ärzte, die im Rahmen der internationalen Hilfseinsätze in Nicaragua abgelegene Dörfer besuchen und dort die Menschen behandeln, hat mich sehr berührt. Eine Familie musste dort mangels Alternativen ihren behinderten Sohn am Morgen mit einem Strick an einen Baum anbinden, damit Sie auf dem Land arbeiten gehen konnten. Dies ist ein Hinweis darauf, wie die Situation vor der kubanischen Revolution ausgesehen hat.

Eine kubanische Lehrerin hat mir erzählt, dass Sie nach der Revolution in ein abgelegenes kubanisches Dorf geschickt wurde. Dort musste Sie junge Mütter über grundlegende Dinge der Hygiene aufklären. Zum Beispiel gab es Babys, die von Ratten angefressen wurden, weil ihre Mütter sie aus Unwissenheit auf dem Boden liegen gelassen hatten.

Man kann mit Gewissheit sagen, dass sich durch die Revolution die Situation sich radikal verändert hat. Man muss dazu nur die Berichte der UNESCO lesen, in denen immer wieder herausgestellt wird, dass die kubanische Form der Sonderpädagogik in Lateinamerika vollkommen konkurrenzlos ist und bei weitem alles übertrifft, was sonst in diesem Erdteil an Unterstützung für Menschen mit Behinderungen existiert.

Infos zum Film:

Trailer

www.kraftderschwachen.de

neue Version des Films für 15 CHF aus der Schweiz bestellen: national@cuba-si.ch

und aus Deutschland für 10 Euro: Mail an oder auf www.fgbrdkuba.de/shop/

(Kubainfos)

Vorbildhaft hält das Land an seinen sozialistischen Grundsätzen fest (Reisebericht + Fotos)

Kuba Infos wünscht ein gutes neues Jahr 2016. Als Start ins neue Jahr haben wir einen interessanten Reisebericht einer Kuba-Kennerin der Vereinigung Schweiz-Cuba für euch.

Enramadas
neu renovierter Boulevard „Enramadas“ in Santiago de Cuba (Dezember 2015)

Zum 15. Mal bereise ich Cuba, und wenn ich vergleiche, was war und was ist, gibt es Bereiche mit grossen Unterschieden, andere mit praktisch keinen. Nun ist natürlich meine Sichtweise beschränkt, es ist die einer Touristin, allerdings einer Touristin mit Zugang zu Diskussionen mit Cubaner_innen aus unterschiedlichsten sozialen Gruppen. Mein Bericht ist von unserer Reise durch das Land geprägt und bezieht sich nicht auf die Situation in Havanna, mit der man sich speziell befassen müsste.

Das Land leidet nach wie vor unter der Blockade, dies ist offensichtlich. So ist es enorm schwierig, im Lande selbst die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Regierung möchte die Landwirtschaft fördern und stellt Willigen zu besten Konditionen Land für den Anbau zur Verfügung. Wie aber soll das Land bebaut werden wenn keine Werkzeuge oder Traktoren zur Verfügung stehen? Ähnlich steht es wohl in vielen Bereichen, immer wieder scheitert vorhandenes „Know-how“ an materiellen Hürden. So kann ich es gut nachvollziehen, dass initiative, fantasievolle und unternehmungslustige Leute an eben diesen Gegebenheiten fast verzweifeln und – auch weil Cuba eine Insel ist, und man einmal etwas anderes sehen möchte – ihr Glück im Ausland versuchen wollen. Cubaner_innen können bekanntlich legal ausreisen, so sie denn das dazu nötige Geld haben und das Land, in welches sie reisen wollen, sie auch hereinlässt.

Das eben aktuelle „Stranden“ von über 3000 Cubaner_innen in Zentralamerika hat allerdings noch einen ganz anderen Grund: Da Cuba und die USA seit Dezember 2014 diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, befürchten viele, dass der Cuban Adjustment Act („dry foot – wet foot“) bald aufgehoben werden könnte, welcher jedem/jeder Cubaner_in, der/die die USA erreicht, sofortige Staatsbürgerschaft und Privilegien gegenüber andern Lateinamerikaner_innen verspricht.

Vorbildhaft hält das Land an seinen sozialistischen Grundsätzen fest und dies ist natürlich nicht gratis: Der Staat garantiert den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung für alle, zahlt für seine Bürger_innen täglich 11 Millionen Brote und einen Liter Milch für alle Kinder unter 7 Jahren. Und wie soll das alles berappt werden? In einem Land, dem kaum Kredite gewährt werden? Cuba muss importierte Lebensmittel meist cash in Dollar bezahlen. Diese Gratwanderung kann nur mit Hilfe des Tourismus bewältigt werden. Cuba schafft es nur mit grosser Mühe, die Infrastruktur einigermassen auf dem heutzutage von den Touristen verlangten Niveau zu halten; das feuchtheisse Klima und die salzhaltige Meeresluft nagen permanent an Holz, Metall und Farbanstrichen.

Angesichts dieser Situation erleben wir immer wieder Erfreuliches: Überall im Lande stellen wir mehr Bautätigkeit fest als je, sei dies privater Ausbau der eigenen Casa (häufig mit Hilfe von Bekannten aus dem Ausland) oder staatlicher Häuserbau.

staatlicher Häuserbau
staatlicher Häuserbau in Santiago de Cuba (Dezember 2015)

Santiago de Cuba hat sich innerhalb eines Jahres zur Perle gemausert. Nachdem die Stadt 2012 vom Wirbelsturm Sandy sozusagen flach gefegt wurde, hat sie sich unter dem landesweit berühmten ersten Sekretär des Exekutivbüros Lázaro F. Expósito zum 500. Jahr ihrer Gründung prachtvoll herausgeputzt. Das Zentrum ist weitgehend neu renoviert und beim vorher unbedeutenden Hafen entstand ein riesiges Areal mit Hafenmole, Kinderspielplatz, Flaniermeile, einem Restaurant und einer Brasserie.

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Die neu gebaute Hafenmole (Malecon) in Santiago de Cuba (Dezember 2015) Naherholungsgebiet und Flaniermeile für Einheimische und Touristen

Also, wer immer nach Cuba reisen möchte: Auf nach Santiago de Cuba – gerne helfen wir mit Infos und Adressen!

Ebenso erfreulich ist es, zu sehen und zu hören, dass ein grosser Teil der Bevölkerung mit beachtlichem Arbeitseinsatz und viel Energie hinter den Errungenschaften der Revolution steht und für diese kämpft. Und mit dabei ist auch die Jugend, sei es Denize, die sich als Vorsitzende der UJC (Union Junger Kommunisten) in Baracoa einsetzt oder Jorgito mit seinem Blog (http://jorgitoxcuba.wordpress.com). Der Besuch bei Jorgito und seiner Familie in Camaguey gehört zu den Highlights unserer Reise. Wir kannten den behinderten Jungen ja erst aus dem Film „El Poder de los Débiles“ – nun hatten wir Gelegenheit, die ganze Familie kennen zu lernen und Jorgito zu Hause zu erleben, sein Zimmer zu sehen, wo er am Computer arbeitet.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sich jeder Einsatz für dieses Land und seine Bevölkerung lohnt – und nach den negativen Ergebnissen der Wahlen in Argentinien und in Venezuela mehr denn je.

Magdalena Hohl

PS:

Der Film „El Poder de los Debiles kann mit verschiedensprachigen Untertiteln bestellt werden:

Aus der Schweiz: http://www.cuba-si.ch/de/kontakt/

Aus Deutschland und Österreich per Mail:

oder online bei „Junge Welt: Junge Welt Shop

(Kubainfos)